Offshore-Windenergie in Nordeuropa wird längst nicht mehr allein mit Dekarbonisierung begründet. In Gipfelerklärungen, Think-Tank-Berichten und militärischen Lagebildern taucht dieselbe These auf: Turbinen, Kabel und die zugehörigen Häfen sind Infrastruktur, an deren Schutz ein Staat ein Interesse hat. Für die Ostsee, wo dieses Argument auf das härteste Sicherheitsumfeld seit Jahren trifft, sind die Folgen praktischer Natur.
Von national zu regional
Den Ton setzte der dritte Nordsee-Gipfel, der im Januar 2026 im Hamburger Rathaus unter dem Motto „From National to Regional“ stattfand. Auf Einladung von Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundesministerin Katherina Reiche kamen Staats- und Regierungschefs sowie Energieministerinnen und -minister aus zehn Ländern zusammen: Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Island, Irland, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen und dem Vereinigten Königreich. Auch die Europäische Kommission und die NATO waren eingeladen.
Die Tagesordnung war aufschlussreich. Neben Investitionsbedingungen sowie grenzüberschreitender Planung und Finanzierung von Windparks und Netzen stand ein dritter Punkt: der Schutz kritischer Infrastrukturen. Die Gipfelreihe begann 2022 in Esbjerg als Antwort auf die Abhängigkeit von russischen fossilen Energieträgern; 2023 in Ostende verständigten sich die Teilnehmer auf bis zu 300 GW in der Nordsee bis 2050. In Hamburg ging es um die Umsetzung: Kooperationsprojekte mit Anbindung an mehr als ein Land sowie Anschlüsse aus den ausschließlichen Wirtschaftszonen anderer Staaten.
Resilienz aus dem Verteidigungshaushalt
Der konkreteste Vorschlag kam von außerhalb der Regierungen. In seinem Bericht Empowering Europe argumentierte der Klima-Thinktank E3G, ein Teil der beim NATO-Gipfel 2025 vereinbarten erweiterten sicherheitsbezogenen Ausgaben – bis zu 1,5 Prozent des BIP, jährlich nahezu 200 Milliarden Euro in den NATO-Staaten der Nordseeregion – solle einen Security-by-Design-Ansatz für Energieinfrastruktur finanzieren.
Praktisch bedeutet das Dual-Use-Anlagen: neue Infrastruktur, die von Beginn an auf Überwachungs- und Schutzfunktionen ausgelegt ist, und bestehende Windparks, die mit Sicherheitstechnik nachgerüstet werden. E3G forderte zudem einen Raumordnungsplan für die Nordsee bis 2027, weil Planbarkeit selbst ein Sicherheitsgut sei. „Offshore-Wind kann die nationale Sicherheit stärken, wenn er für die Verteidigung mitgedacht und angemessen finanziert wird“, sagte E3G-Chef Nick Mabey.
Warum die Ostsee dieselbe Vorlage anders liest
Was in der Nordsee eine politische Option ist, kommt in der Ostsee einer Rahmenbedingung nahe. Der Military Intelligence Review 2026 der finnischen Streitkräfte wurde nicht für die Energiewirtschaft geschrieben, beschreibt aber das Umfeld, in dem Offshore-Projekte heute geplant und betrieben werden: Schäden an Anlagen am Meeresboden, Störungen von Navigationssystemen und der Einsatz ziviler oder Dual-Use-Schiffe für uneindeutige Operationen – nicht als Einzelfälle, sondern als etabliertes Muster.
Der Bericht verweist zudem auf Russlands Bereitschaft, maritime Interessen offensiv zu schützen, unter anderem durch Eskorten und Aktivitäten der Schattenflotte, was das Risiko von Unfällen und Fehleinschätzungen erhöht. Die Antwort der NATO – verstärkte Überwachung, größere maritime Präsenz und Initiativen wie Baltic Sentry – hat den Schutz von Unterwasserinfrastruktur zu einer Daueraufgabe gemacht.
Die Lehre für die Branche betrifft weniger die akute Bedrohung als deren Dauerhaftigkeit. Auch wenn Russlands militärischer Schwerpunkt in der Ukraine liegt, dürften hybride Einflussnahme und Infrastrukturrisiken unterhalb der Schwelle offener Auseinandersetzung fortbestehen. Damit wird Sicherheit vom äußeren Faktor zum Bestandteil der Projektlogik: Standortwahl, Auslegung, Versicherung und langfristige Betriebsplanung.
Polen als Testfall
Polen zeigt, wie das aussieht, wenn die Theorie die Baustelle erreicht. Polskie Sieci Elektroenergetyczne bestätigte die technische Bereitschaft des Übertragungsnetzes zur Aufnahme von Strom aus Ostsee-Windparks, nachdem die neue Station Choczewo, die erweiterte Station Żarnowiec und die verbindende 400-kV-Leitung Spannungsprüfungen bestanden hatten. Die Anlagen seien bereit, Energie aus den in der Ostsee gebauten Windparks zu Verbrauchern im Landesinneren zu transportieren, sagte PSE-Vizepräsident Włodzimierz Mucha. PSE bereitet das Netz in Pommern seit 2019 vor und errichtet zwei Stationen sowie mehr als 250 Kilometer Höchstspannungsleitungen.
Auf der Hafenseite unterzeichnete ORLEN Neptun eine Reservierungsvereinbarung mit der Hafenbehörde Kołobrzeg über Flächen für einen Servicehafen für Baltic West, das zweite Projekt der Gruppe in Phase zwei nach Baltic East. Baltic West umfasst vier Konzessionen im Gebiet Ławica Odrzańska mit rund 4 GW installierter Leistung; die vollständige Umsetzung ist bis 2040 geplant. Kołobrzeg ist der nächstgelegene verfügbare Hafen und erfüllt bereits die Anforderungen an Häfen der mittleren Küste für die Betreuung von Offshore-Windparks mit CTV-Schiffen.
Durch die Sicherheitsbrille betrachtet ist keines dieser Objekte allein ein Energieasset. Ein 400-kV-Korridor für mehrere Gigawatt und ein Hafen, der die einzige praktikable Servicebasis für ein 4-GW-Cluster darstellt, sind Einzelpunkte des Versagens mit nationaler Tragweite.
Die Lücke, die Sicherheitsgeld nicht schließt
Deutschland liefert das Gegengewicht. Fünfzehn Jahre nach der Inbetriebnahme von Alpha Ventus im Jahr 2010 verzeichnete der deutsche Offshore-Sektor im August 2025 erstmals eine Ausschreibung ganz ohne Gebote, dazu Verzögerungen beim Netzanschluss neuer Turbinen – Anlass für die gemeinsame Bilanz der Branchenverbände und der Stiftung OFFSHORE-WINDENERGIE auf Basis von Daten der Deutschen WindGuard. Eine Sicherheitsrahmung allein repariert kein Auktionsdesign, das kein Kapital mehr anzieht. Europas industrielle Position ist real – Siemens Energy und Vestas hielten 2024 zusammen fast 40 Prozent des Weltmarkts für komplette Offshore-Windturbinen – doch Marktanteil ersetzt keine bankfähige Nachfrage.
Worauf zu achten ist
Drei Prüfsteine zeigen, ob Security by Design mehr ist als Sprache. Erstens, ob Verteidigungs- und Sicherheitshaushalte tatsächlich Mittel für Dual-Use-Ausrüstung auf See auszahlen, statt die Kosten bei den Entwicklern zu belassen. Zweitens, ob die Ostsee ein Pendant zur für die Nordsee vorgeschlagenen Planungsdisziplin erhält, da ihre Projekte näher an umstrittenen Gewässern liegen. Drittens, ob Kreditgeber und Versicherer die Sicherheitsebene explizit bepreisen – der Punkt, an dem eine politische Zusage zur Position im Finanzmodell wird.








