Westpommern ist nicht mehr nur die windreichste Woiwodschaft Polens, sondern der Ort, an dem die polnische Lieferkette für Offshore-Windkraft physisch zusammengesetzt wird. Die Region verfügt über 2,6 GW installierte Windleistung und liegt damit vor Großpolen (1,7 GW), Pommern (1,5 GW) und Kujawien-Pommern (1,0 GW). Ihre Selbstversorgung mit erneuerbaren Energien wurde für 2025 auf rund 130 Prozent geschätzt — sie erzeugt im Jahresverlauf mehr erneuerbaren Strom, als sie verbraucht.

Das Terminal als Anker der Region

Kernstück ist das Offshore-Terminal Świnoujście, Polens erster eigens für die Errichtung von Offshore-Windparks bestimmter Hafen. 2025 von ORLEN Neptun in Betrieb genommen, verbindet er Installations- und Marshalling-Funktionen und ermöglicht Lagerung, Vormontage und Verladung an einem Standort. Ausgelegt ist er für 15-MW-Turbinen und die größten Installationsschiffe und kann Monopiles, Jackets, Türme, Rotorblätter, Gondeln sowie Topsides von Offshore-Umspannwerken mit einem Gewicht von bis zu 24.000 Tonnen abfertigen. Rund 70 Prozent der Kapazität sind bereits gebucht.

„Das Offshore-Terminal Świnoujście ist als Plattform für den Aufbau der Offshore-Wind-Lieferkette in der Ostsee konzipiert. Wir sehen ein starkes und wachsendes Interesse sowohl polnischer als auch internationaler Partner“, sagte Paweł Nowak, Business Development Manager des Terminals bei ORLEN Neptun.

Das Auftragsbuch ist nicht ausschließlich polnisch. BC-Wind von Ocean Winds und das von PGE und Ørsted entwickelte Projekt Baltica 2 werden von Świnoujście aus bedient, und der Hafen steht im Zentrum der eigenen Projektpipeline von ORLEN, darunter Baltic East und Baltic West. Eine Analyse des Clusters Norwegian Offshore Wind sieht das Terminal auch für Projekte in Dänemark, Deutschland, Schweden und den baltischen Staaten aufgestellt — das Cluster brachte im August 2026 eigens eine norwegische Zuliefererdelegation in die Region.

Eine Projektpipeline, die die Investition trägt

Die Nachfrageseite beruht auf PGE Baltica, die die Offshore-Projekte der PGE-Gruppe entwickelt. Das Portfolio umfasst acht Ostseeprojekte in unterschiedlichen Entwicklungsstadien mit einer Gesamtleistung von mehr als 6 GW, bei einem Konzernziel von 4 GW Offshore-Leistung bis 2035. Das am weitesten fortgeschrittene Vorhaben, das gemeinsam mit Ørsted entwickelte Baltica 2 mit 1,5 GW, soll 2027 in Betrieb gehen. Dieses Datum ist der erste echte Test für die Region: Dann muss sich der industrielle Fahrplan in gelieferte Komponenten übersetzen.

Vom Fahrplan zu tatsächlichen Aufträgen

Der Marschall der Woiwodschaft, Olgierd Geblewicz, beschreibt das Vorhaben als Programm einer „Europäischen Windenergiefabrik“ — ein auf 15 Jahre angelegter Industrieplan für den Offshore-Sektor, gestützt auf die Fertigung von Gondeln und Naben, Turm- und Kabelwerke sowie den Bau von Kabellege- und Servicefahrzeugen. An Land beziffert er das technische Potenzial der Woiwodschaft auf 16 bis 27 GW bei einem Mindestabstand von 700 Metern und auf 20 bis 34 GW bei 500 Metern.

Die schwierigere Frage lautet, wer das liefert. Auf dem zweiten Forum der Zulieferer der polnischen Windenergie in Szczecin, das unter dem Motto „Windfabrik Europas“ stand, stellten die Industrieentwicklungsagentur ARP und Regierungsvertreter Local Content als Staatspolitik dar und nicht als Absichtserklärung. Klima- und Umweltministerin Paulina Hennig-Kloska argumentierte, die Energiewende „muss unsere technologische und industrielle Unabhängigkeit stärken“, und Polen „kann nicht eine Abhängigkeit durch eine andere ersetzen“. Staatssekretär Arkadiusz Marchewka aus dem Infrastrukturministerium knüpfte die Aussichten des Sektors unmittelbar an die Häfen: Ohne moderne Hafeninfrastruktur sei „der Aufbau eines starken Offshore-Sektors nicht möglich“.

Bei der ARP arbeitet ein Local-Content-Team unter Leitung der Vorstandsvizepräsidentin Ilona Deręgowska mit drei Arbeitsgruppen zu Methodik, Gesetzgebung und guter Praxis. Seine erste Aufgabe ist unspektakulär, aber entscheidend: eine quantifizierbare Definition von Local Content zu erarbeiten, die staatliche wie private Investoren in einer Ausschreibung tatsächlich anwenden können.

Ebenso offen benannte das Forum die Hindernisse. Genannt wurden die geringe Zahl globaler Anbieter von Schlüsseltechnologien, der Finanzierungsvorteil großer Auftragnehmer gegenüber kleineren Bietern und negative Zahlungsströme in Infrastrukturverträgen, die viele mittelständische Unternehmen bereits vor der Angebotsabgabe ausschließen.

Worauf zu achten ist

Westpommern verfügt inzwischen über den Hafen, die Projektpipeline und die politische Rückendeckung. Was fehlt, ist eine festgelegte Definition von Local Content, ein Finanzierungsmodell für mittelgroße polnische Zulieferer und der Nachweis, dass die für Baltica 2 bestellten Komponenten in der Region gefertigt und nicht nur durch sie hindurchgeschleust werden. Genau an diesem zweiten Punkt entscheidet sich der Unterschied zwischen einem Logistikknoten und einer Industriebasis — und die Antwort dürfte deutlich vor 2027 sichtbar werden.