Der erneute Preisanstieg bei Öl und Gas treibt die weltweite Inflation und rückt die Abhängigkeit Europas von fossilen Energieimporten wieder in den Vordergrund. Das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) in Münster sieht in heimischem Wind- und Solarstrom in Kombination mit Batteriespeichern den wirksamsten Schutz vor Preisschocks und kritisiert die Pläne der Bundesregierung, neue Gaskraftwerke zu fördern, die am Strommarkt teilnehmen dürfen.
Anlass ist die Entscheidung der Europäischen Zentralbank vom 10. September 2026, die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte anzuheben, wobei die EZB ausdrücklich auf den anhaltenden Inflationsdruck durch den Konflikt im Nahen Osten verwies. „Die Preistreiber haben einen Namen: fossile Energien. Der beste Inflationsschutz ist die Transformation von Öl und Gas hin zu Strom aus heimischen erneuerbaren Energien in Kombination mit Energiespeichern“, sagte IWR-Geschäftsführer Norbert Allnoch.
Die Argumentation des IWR setzt bei der Preisbildung an der Strombörse an. Nach dem Merit-Order-Prinzip werden Kraftwerke nach ihren Geboten gereiht, und das letzte zur Deckung der Nachfrage benötigte Kraftwerk bestimmt den Preis für alle. Bei einem Gaspreis von derzeit rund 80 Euro/MWh am TTF-Hub entstehen in einem Gaskraftwerk mit 50 Prozent elektrischem Wirkungsgrad allein Brennstoffkosten von rund 160 Euro/MWh Strom, also 16 Cent je kWh, vor CO2- und weiteren variablen Kosten. Verdrängen Solar- und Windstrom solche Anlagen aus der Merit Order, setzt ein günstigeres Gebot den Preis. Als Beleg, dass die Entkopplung von fossilen Energien bereits sichtbar ist, verweist das IWR auf sonnenreiche Tage, an denen die Börsenpreise bis zur Mittagszeit mit steigender PV-Erzeugung deutlich sinken und am Abend wieder ansteigen.
Das Institut widerspricht zudem der Lesart, wonach günstiger Mittagsstrom ein Zeichen für überlastete Netze sei. Börsenpreis und Netzengpass seien zwei verschiedene Dinge: Nach Angaben der Bundesnetzagentur konnten 2025 mehr als 96 Prozent des erzeugten erneuerbaren Stroms eingespeist und zu den Verbrauchern transportiert werden. Die Nord-Süd-Verbindungen Ultranet (2.000 MW), A-Nord (2.000 MW), SuedLink (4.000 MW) und SuedOstLink (2.000 MW), die bis 2028 in Betrieb gehen sollen, erhöhen die Transportkapazität zwischen Erzeugungsschwerpunkten und Verbrauchszentren weiter.
Batteriespeicher verlängern diesen Effekt über den Tag, argumentiert das IWR. Speicherbetreiber kaufen Strom in den günstigen Mittagsstunden und verkaufen ihn in den teureren Morgen- und Abendstunden; sie erhöhen die Nachfrage bei niedrigen und das Angebot bei hohen Preisen. Beide Bewegungen drängen teure Gaskraftwerke in der Merit Order zurück und schwächen den Einfluss internationaler Gaspreise auf den deutschen Börsenstrompreis.
Vor diesem Hintergrund bewertet das IWR die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung als Risiko. Staatlich geförderte Gaskraftwerke im geplanten Umfang, die nicht nur als Reserve vorgehalten werden, sondern am Markt teilnehmen dürfen, seien bei hohen Gaspreisen ein zusätzliches Strompreisrisiko, weil ihre Brennstoffkosten über die Merit Order unmittelbar durchschlagen. „Für die deutsche Wirtschaft ist ein dauerhaft wettbewerbsfähiges Strompreisniveau von zentraler Bedeutung. Dieses Ziel steht im Widerspruch zu einem Strommarktdesign, in dem teure fossile Kraftwerke häufig den Börsenstrompreis bestimmen“, sagte Allnoch. Das Institut empfiehlt, den Schwerpunkt auf den weiteren Ausbau von Wind- und Solarenergie in Kombination mit privatwirtschaftlich betriebenen Batteriespeichern zu legen.
Das Argument reicht über Deutschland hinaus. Polen und die baltischen Staaten sind denselben Importgaspreisen ausgesetzt, und die im Bau befindlichen Offshore-Windparks in der Ostsee sind nach der Logik des IWR ebenso ein Schutz vor Inflation wie eine Klimamaßnahme.






