In der ersten Hälfte 2026 haben die Ostseeanrainer eine Reihe von Entscheidungen getroffen, die zusammen zeigen, wie sie Energiesicherheit heute denken. Sie sicherten die Gasversorgung für ein Jahrzehnt und länger, verstärkten die Hilfe für das beschädigte ukrainische System und hörten von der NATO und globalen Institutionen, dass Energieversorgung eine Verteidigungsfrage ist. Die einzelnen Schritte lesen sich am besten nebeneinander.

Gasversorgung, langfristig kontrahiert. KN Energies, Betreiber des LNG-Terminals Klaipėda in Litauen, hat die langfristige Vergabe von Regasifizierungskapazität für 2033–2044 abgeschlossen. Gebucht wurden mehr als 20 TWh: 8 TWh bis 2044 und weitere 12 TWh bis 2040. Fünf Kunden sicherten sich Kapazität: Ignitis in Litauen, Latvenergo in Lettland, Equinor aus Norwegen sowie erstmals Gasum aus Finnland und Naftogaz aus der Ukraine. Das Verfahren begann im März 2026 und bot bis zu 28 TWh pro Jahr in sieben Paketen zu je 4 TWh an. Zusammen mit einem 2023 vergebenen Paket soll die Auslastung rund 75 Prozent der Nennkapazität erreichen; nicht vergebene Mengen können erneut angeboten werden. Litauens Energieminister nannte das Ergebnis ein Zeichen des Vertrauens in die wachsende Rolle des Terminals von der Ostsee Richtung Nordeuropa und Ukraine.

Norwegische Moleküle, polnisches Kapital. Polen baut die Versorgung aus der anderen Richtung auf. ORLEN Upstream Norway vereinbarte den Kauf von 20 Prozent an fünf norwegischen Lizenzen, darunter das produzierende Feld Goliat, von Vår Energi. ORLEN beziffert die übernommenen Ressourcen auf rund 58 Millionen Barrel Öläquivalent, darunter etwa 3 Milliarden Kubikmeter Gas, und erwartet, dass sich die Förderung aus diesen Assets in vier Jahren ungefähr verdreifacht, von rund 4.000 auf 12.000 boe pro Tag. Der Kauf braucht die Genehmigung der norwegischen Behörden; nach Abschluss hielten Vår Energi (45 Prozent), Equinor (35 Prozent) und ORLEN (20 Prozent) Goliat.

Solidarität mit einem System unter Beschuss. Bei einem gemeinsamen Treffen der litauischen und der ukrainischen Regierung sagte Litauen weitere 4 Millionen Euro für Solar- und Speicheranlagen in ukrainischen Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten zu. Sie folgen auf eine Tranche über 5 Millionen Euro, mit der bereits 20 Anlagen geliefert wurden; über beide Stufen sollen rund 80 Projekte entstehen. Litauen gab außerdem an, in den ersten Monaten des Jahres Transformatoren, Generatoren und weitere Ausrüstung im Wert von mehr als 6,3 Millionen Euro geliefert zu haben, gegenüber mehr als 10 Millionen Euro im gesamten Jahr 2025, und dass Naftogaz und KN Energies eine neue Stufe der Zusammenarbeit bei der Gasversorgung der Ukraine über Klaipėda beginnen.

Energie als Verteidigungsfrage. Die stellvertretende NATO-Generalsekretärin Radmila Shekerinska sagte am 10. Juni auf der FuelsEurope-Konferenz in Brüssel, Verteidigung hänge von ununterbrochener Kraftstoff- und Energieversorgung ab, und forderte, strategische Schwachstellen zu verringern und kritische Energieinfrastruktur zu schützen. Im Ostseeraum zählen dazu inzwischen Seekabel, Pipelines und Offshore-Windparks. Ende Mai hatten die Leiter von IEA, IWF, Weltbank und WTO in einer gemeinsamen Erklärung gewarnt, der Krieg im Nahen Osten belaste die globale Energieversorgung; die Ölvorräte würden nach dem Ausfall von Lieferungen durch die Straße von Hormus in Rekordtempo abgebaut.

Die Sicht der Unternehmen. Auf dem Europäischen Finanzkongress in Sopot argumentierte Michał Popiołek von mBank, polnische Unternehmen sollten Energiesicherheit als Notwendigkeit behandeln und in eigene erneuerbare Erzeugung investieren, die Netzentgelte vermeide und zugleich Sicherheit liefere.

Was das Muster nahelegt. Die Region verfolgt drei Dinge gleichzeitig: diversifiziertes Importgas, Unterstützung für ein Nachbarland im Krieg und heimische Erzeugung als Absicherung. Das sind keine Alternativen. LNG-Kapazitäten und norwegische Lieferungen bedienen die Gasnachfrage des nächsten Jahrzehnts, während Wind, Solar und Speicher die Anfälligkeit für Preisschwankungen verringern, wie sie IEA und die übrigen Institutionen beschrieben. Offen sind praktische Fragen: wie viel der nicht vergebenen Kapazität in Klaipėda Abnehmer findet, ob die Übernahme von ORLEN die Genehmigungen erhält und ob der Ausbau von Netzen und Interkonnektoren mit der neuen Erzeugung Schritt hält. Darauf lohnt der Blick, wenn die Verträge für 2033–2044 und die nächsten Vergaberunden Gestalt annehmen.