Die Anrainerstaaten behandeln die Ostsee heute zuerst als Sicherheitsraum und erst danach als Energiekorridor. Von Mai bis Juli 2026 trafen sich Ministerinnen und Minister in Sopot, Vilnius, Helsinki und Kiel, und jedes Treffen kam zum selben Schluss: Seekabel, Interkonnektoren, Umspannwerke und Windparks, die die Stromsysteme der Region verbinden, müssen wie jedes andere strategische Gut geschützt werden.
Kabel und Schattenflotte
Am 29. Mai verabschiedete der Ostseerat (CBSS) auf seiner 23. Ministertagung die Erklärung von Sopot. Unterzeichnet wurde sie von Dänemark, Estland, Finnland, Deutschland, Island, Lettland, Litauen, Norwegen, Polen und Schweden. Sie nennt Cyberoperationen, Sabotage in Lieferketten und die Risiken der russischen Schattenflotte. Der Rat bezeichnete das Memorandum of Understanding zum Schutz kritischer Unterwasserinfrastruktur als zentralen Rahmen und würdigte die NATO-Aktivität Baltic Sentry für bessere Lageerfassung und Abschreckung. Zudem nannte er ein vollständiges Verbot maritimer Dienstleistungen für russische Energieexporte als mögliches Instrument, abgestimmt mit der G7.
Am 15. Juni folgte die EU mit einem Sanktionspaket gegen 34 Personen und 47 Organisationen, darunter zwei Personen und 24 Organisationen im Zusammenhang mit Öltransporten, auch über die Schattenflotte. Der Rat beschreibt diese Flotte als Instrument zur Umgehung von Sanktionen, das zugleich die Sicherheit der Schifffahrt und die Umwelt gefährdet. Für die Ostsee ist das konkret: Alte, oft unversicherte Tanker passieren Häfen, Küsten sowie die Kabel und Windparks, die die Region aufbaut, in geringem Abstand.
Die neue Gefahr aus der Luft
Die Aufmerksamkeit hat sich vom Meeresboden auf den Luftraum ausgeweitet. Beim Treffen des Baltischen Ministerrats und der Baltischen Energiesicherheitsgruppe am 21. Mai in Vilnius sagte Litauens stellvertretender Energieminister Gabriel Gorbačevski, auf die Vorfälle von 2023 bis 2025, bei denen Unterwasserinfrastruktur beschädigt wurde, folgten nun Risiken durch unbemannte Luftfahrzeuge. Man einigte sich, Drohnenabwehr zu einer Standardmaßnahme für kritische Infrastruktur zu machen. Litauen betreibt bereits Detektions- und Abwehrsysteme an vier wichtigen Energiestandorten, fünf weitere sollen bis Jahresmitte folgen. Lettland investiert in mobile Übertragungsmasten und Umspannwerke, um die Versorgung nach einem Angriff rasch wiederherzustellen. Die Europäische Kommission hat den baltischen Staaten und Polen 113 Mio. Euro aus der Fazilität „Connecting Europe“ (CEF) für den Schutz der Stromnetze zugewiesen; die Beteiligten wünschen einen dauerhaften Kofinanzierungsmechanismus und gemeinsame regionale Reserven für kritische Ausrüstung.
Die Innenminister von neun Ostseestaaten griffen das Thema am 17. und 18. Juni in Helsinki auf. Finnland bestätigte 50,2 Mio. Euro im Nachtragshaushalt für Drohnenabwehr, davon 44 Mio. Euro für den Grenzschutz und 6,2 Mio. Euro für die Polizei. Der ukrainische Innenminister berichtete per Video von seinen Kriegserfahrungen.
Offshore-Wind als kritische Infrastruktur
Polen übersetzt das Prinzip in Regeln. Offshore-Windparks müssen dort schon heute Gutachten zu den Auswirkungen auf Radar-, Überwachungs- und Kommunikationssysteme von Streitkräften und Grenzschutz vorlegen, die vor der Baugenehmigung von Verteidigungs- und Innenministerium genehmigt werden, auf Kosten des Investors. Nach Angaben des Polnischen Windenergieverbands (PSEW) soll ein laufendes Gesetzgebungsverfahren Offshore-Windparks formal als kritische Infrastruktur anerkennen. Betreiber müssten dann Systeme zur Erkennung von Schiffen, Unterwasserobjekten und Drohnen einsetzen; Umspannwerke und Kabel erhielten besonderen Schutz. PSEW-Präsident Janusz Gajowiecki erklärte, für die Zukunft der Branche sei Widerstandsfähigkeit ebenso wichtig wie Technologie und Finanzierung.
Bundesaußenminister Johann Wadephul formulierte denselben Gedanken auf der Kieler Sicherheitskonferenz geopolitisch: Er nannte die Ostsee den offensichtlichsten Schauplatz der Konfrontation mit Russland und verwies auf Sabotage, GPS-Störungen, Drohneneinflüge und russische Forschungsschiffe in der Nähe kritischer Infrastruktur.
Worauf es ankommt
Drei Fragen entscheiden, wie weit diese Agenda trägt. Erstens: Wird Polens Gesetz zur kritischen Infrastruktur verabschiedet, und welche Erkennungspflichten legt es Offshore-Betreibern auf? Zweitens: Wird die CEF-Förderung zu einem dauerhaften Mechanismus statt einer einmaligen Zuweisung? Drittens: Wie setzt der Ostseerat seine Beschlüsse unter der isländischen Präsidentschaft um, die im Juli begann und Sicherheit, Resilienz und den Umgang mit ausländischer Informationsmanipulation auf die Agenda setzt? Davon hängt ab, wer den Schutz baltischer Wind- und Netzanlagen bezahlt und wie schnell er kommt.







