In den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 kamen vier verschiedene Foren aus unterschiedlichen Richtungen zum selben Schluss: Offshore-Wind und Energiesicherheit in Nordeuropa sind keine nationalen Projekte mehr. Ein Regierungsgipfel in Hamburg, eine Fraunhofer-Studie für die deutsche Offshore-Branche, eine Erklärung von 47 Küstenregionen in Stockholm und ein Ministertreffen in Riga wiesen alle auf grenzüberschreitende Planung als nächste Stufe des Ausbaus. Dieser Überblick führt die Fäden zusammen und fragt, was sie für die Ostseeseite der Karte bedeuten.

Hamburg: Der Nordsee-Gipfel setzt die Vorlage

Der dritte Nordsee-Gipfel, den die Bundesregierung am 26. Januar 2026 im Hamburger Rathaus ausrichtete, brachte Regierungschefs und Energieminister aus zehn eingeladenen Ländern zusammen; auch die Europäische Kommission und die NATO saßen mit am Tisch. Das Motto „From National to Regional“ fasste die Agenda zusammen: gemeinsame Investitionsbedingungen, grenzüberschreitende Planung und Finanzierung von Windparks und Netzen sowie der Schutz kritischer Infrastruktur. Die Gipfelreihe begann 2022 in Esbjerg als Antwort auf Russlands Krieg gegen die Ukraine und die Notwendigkeit, fossile Importe zu senken; Ostende legte 2023 das Ziel von bis zu 300 GW Nordseekapazität bis 2050 fest. In Hamburg ging es um die Umsetzung: sogenannte Kooperationsprojekte, also Windparks mit Anschluss an mehr als ein Land oder Anlagen in der ausschließlichen Wirtschaftszone eines Staates, die in das Netz eines anderen eingebunden werden. Bundesministerin Katherina Reiche argumentierte, nur solche Projekte könnten das volle Potenzial der Nordsee wirtschaftlich erschließen.

Die Zahlen hinter dem Argument

Eine Studie des Fraunhofer IWES im Auftrag des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO) und des BDEW, veröffentlicht zum Gipfel, gab der Kooperation ein Preisschild. Verglichen wurde das gesetzlich fixierte deutsche Ziel von 70 GW Offshore bis 2045, vollständig in der deutschen AWZ errichtet, mit Szenarien, in denen bis zu 20 GW in dänischen oder schwedischen Gewässern gebaut und radial an das deutsche Netz angeschlossen werden. Ergebnis: bis zu 13 Prozent höhere Stromerträge und bis zu 11 Prozent niedrigere Kosten je Megawattstunde einschließlich Netzanschluss. Der Mechanismus ist räumlich: Eine breitere Verteilung der Anlagen verringert Abschattungsverluste in der dicht belegten Deutschen Bucht und erhöht die Volllaststunden des gesamten Portfolios. Die Autoren stellten zudem fest, dass die geografische Streuung die Versorgungssicherheit stärkt, weil dänischer und baltischer Wind oft dann weht, wenn deutscher nicht weht. Hans Sohn vom BWO nannte das Ergebnis einen „deutlich kosteneffizienteren“ Weg zum 70-GW-Ziel.

Stockholm: Die Regionen erweitern den Rahmen um Sicherheit

Zwei Tage nach Hamburg trafen sich die Exekutivausschüsse der CPMR-Kommissionen für Ostsee und Nordsee in Stockholm und verabschiedeten im Namen von 47 Regionalverwaltungen eine gemeinsame politische Erklärung. Wo der Gipfel von Gigawatt sprach, sprachen die Regionen von Resilienz: Dual-Use-Verkehrskorridore, sichere Energiesysteme, Schutz der Unterwasserinfrastruktur und engere Zusammenarbeit gegen hybride und Cyberbedrohungen. Elisabet Babic aus der Region Halland, Präsidentin der Nordseekommission, betonte, dass Norwegen und das Vereinigte Königreich als große Energielieferanten und NATO-Verbündete in jedes nordeuropäische Format gehören, nicht daneben. Die Regionen forderten zudem, dass der nächste mehrjährige EU-Haushalt und das Interreg-Programm die Bedürfnisse des Nordens abbilden.

Riga und Warschau: Die Ostseeseite organisiert sich

Der nordisch-baltische Strang lief parallel. Im Februar traf das Büro des Nordischen Ministerrats in Lettland den lettischen Klima- und Energieminister Kaspars Melnis, um die NB8-Energiekonferenz in Riga im September 2026 und einen Energiegipfel in Daugavpils im Oktober vorzubereiten, der sich der Energieunabhängigkeit von Grenzregionen widmet. Der Minister sprach sich für eine engere und stärker formalisierte nordisch-baltische Zusammenarbeit aus, 35 Jahre nach Beginn des Formats. Auf der industriellen Seite öffnete PGE Baltica in denselben Wochen ihren Beschaffungsplan 2026 für Zulieferer, mit einem Portfolio von acht Ostseeprojekten über 6 GW und dem 1,5-GW-Projekt Baltica 2 mit Ørsted, dessen Inbetriebnahme für 2027 vorgesehen ist. Die Botschaft des polnischen Entwicklers an den Markt war praktisch: Kooperation beginnt bei der Frage, wer bieten darf.

Was die Ostsee vom Nordseemodell übernehmen kann

Drei Lehren lassen sich übertragen. Erstens gilt die Fraunhofer-Rechnung auch für die Ostsee: Polnische, litauische und schwedische Standorte liegen in unterschiedlichen Windregimen, und hybride Verbindungen zwischen ihnen würden die Erträge ebenso steigern wie dänische Standorte die deutschen. Zweitens hat die Nordsee mit der Gipfelreihe einen institutionellen Träger der Zusammenarbeit, während die Ostsee weiterhin auf Ad-hoc-Ministertreffen und NB8-Konferenzen angewiesen ist; die Stockholmer Erklärung der Regionen kommt einem ständigen politischen Rahmen am nächsten. Drittens ist Sicherheit inzwischen in jedem dieser Dokumente verankert, vom Platz der NATO am Hamburger Tisch bis zur Klausel der CPMR zur Unterwasserinfrastruktur. Die offene Frage für den Rest des Jahres 2026 lautet, ob die Treffen in Riga und Daugavpils verbindliche Vereinbarungen über Kooperationsprojekte hervorbringen, wie es Hamburg tat, oder Absichtserklärungen bleiben.