Die Ostsee wird ein BC90 vermutlich nie brauchen. Die meisten Windstandorte der Region liegen in Wassertiefen, die konventionelle Monopiles zulassen — grob zwischen 20 und 45 Metern in den derzeit im Bau befindlichen polnischen, deutschen und dänischen Gebieten. Dennoch verdient ein Fundament für Tiefen von 60 bis 90 Metern hier Aufmerksamkeit, aus einem Grund, der wenig mit dem Einsatzort und alles mit der Frage zu tun hat, wer es fertigen würde.
Es geht um das BC90 von Neretek, einem Unternehmen, das Wood Thilsted gemeinsam mit COP Frontier, einer Schwestergesellschaft von Copenhagen Offshore Partners, am 7. Juli 2026 in London gestartet hat. Jonathan Cole, früherer Vorsitzender des Global Wind Energy Council, wurde zum Executive Chair berufen. Das Design zielt auf jenen Tiefenbereich, der für wirtschaftliche gegründete Fundamente zu tief und für schwimmende Windkraft im kommerziellen Maßstab noch nicht erschlossen ist. Der Zeitpunkt war kein Zufall: Einen Tag zuvor hatte die britische Regierung die achte Ausschreibungsrunde vorgestellt und dabei die Kategorie Other Deepwater Offshore Wind eingeführt, die genau den Bereich von 60 bis 90 Metern abdeckt.
Das BC90 soll, so Cole, „die mögliche Lücke zwischen bestehenden gegründeten Offshore-Windkonzepten und der noch nicht kommerzialisierten schwimmenden Offshore-Windkraft schließen”. Industriell entscheidend sind jedoch die Randbedingungen, unter denen die Konstruktion nach Angaben der Unternehmen funktioniert: Sie lässt sich mit vorhandenen Lieferkettenkapazitäten fertigen, nutzt bestehende Hafeninfrastruktur und ist nicht auf große Spezial-Errichterschiffe angewiesen. Alastair Muir Wood, Gründer und CEO von Wood Thilsted, verwies auf ein Jahrzehnt Forschung hinter einer „kosteneffizienten, einsatzfähigen Lösung, um die stärkeren Winde in tieferen Gewässern zu nutzen”. Der britische Energieminister Michael Shanks begrüßte den Start.
Bestehende Werke, bestehende Kaikanten, keine eigens entwickelte Schiffsklasse — diese Beschreibung passt fast punktgenau auf die industrielle Basis im Ostseeraum. Die Region hat in den vergangenen fünf Jahren die Fähigkeit aufgebaut, Fundamentstahl in Serie zu fertigen, zu beschichten, zwischenzulagern und zu installieren. Nichts davon ist an eine bestimmte Wassertiefe gebunden.
Baltica 2 zeigt das am deutlichsten. Das 1,5-GW-Gemeinschaftsprojekt von Ørsted und PGE rund 40 km vor der Küste bei Ustka hat mehr als 400 Sekundärstahlstrukturen über den Installationshafen Rønne auf Bornholm geleitet, mehr als drei Viertel davon aus polnischen Werken. Smulders fertigt in Żary 107 abgehängte Innenplattformen, die über Świnoujście verschifft werden. Grupa Przemysłowa Baltic liefert aus Gdańsk 111 Anlegeplattformen und 111 Anodenkörbe. Etermar baut 107 externe Arbeitsplattformen im portugiesischen Setúbal. Ulrik Lange, Vice President und Managing Director von Baltica 2 bei Ørsted, beschrieb eine Phase, in der auf See weitere Monopiles gesetzt und zugleich die Lieferungen der Ausrüstungskomponenten koordiniert werden. Bartosz Fedurek, Vorstandsvorsitzender von PGE Baltica, wertete den polnischen Anteil als Beleg für „die Reife der heimischen Industrie und ihre Bereitschaft, an anspruchsvollen Offshore-Windprojekten mitzuwirken”.
Übertragbar ist gerade das Unspektakuläre. Zugangsplattformen, Anlegepunkte für Servicefahrzeuge, Anodenkörbe und Korrosionsschutz erfordern dieselben Disziplinen, ob die Tragstruktur in 30 oder in 80 Metern Wassertiefe steht. Knapp sind qualifizierte Schweißer, Beschichtungslinien und Umschlagflächen an den Kais in Rønne, Świnoujście und Gdańsk — genau das, worum eine neue Fundamentklasse konkurrieren würde. Die Basis reicht zudem über Offshore hinaus: OX2 hat die Fundamentarbeiten am 40-MW-Windpark Annopol in der Woiwodschaft Lublin vor der Turbinenmontage abgeschlossen, ein Projekt mit zehn Vestas V136 im Modell des unabhängigen Stromerzeugers, mit Abnahmevertrag mit Amazon und Fertigstellung 2027.
Aus Ostseeperspektive lohnt der Blick auf drei Punkte. Erstens, ob die in der achten Ausschreibungsrunde signalisierten Tiefwasservolumina zu festen Aufträgen werden statt zu einer Kategorie auf dem Papier. Zweitens, ob Werften im Ostseeraum die Qualifikation für eine Fundamentklasse erlangen, die sie nie gebaut haben — bei Sekundär- wie bei Primärstahl ist meist die Qualifikation und nicht die reine Kapazität der Engpass. Drittens, ob die innenpolitische Zustimmung trägt: Die Kampagne „Morze Wiatru” des polnischen Windenergieverbands PSEW und der ORLEN-Stiftung existiert, weil öffentliche Akzeptanz nicht selbstverständlich ist. Die These von PSEW-Präsident Janusz Gajowiecki, Polen könne „ein Schlüsselglied in der europäischen Lieferkette für Offshore-Windenergie” werden, hängt daran, dass diese Akzeptanz einen langen Ausbau übersteht.
Der Ostseeboden ist flach. Das Auftragsbuch muss es nicht sein.








